Was Zeichnen mit Mindset zu tun hat: Eine lebensverändernder Perspektiv-Wechsel
- Anna Bilek
- 1. Sept. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Vor vielen Jahren stieß ich eher zufällig auf das Buch “Mindset” von Carol Dweck.
Und dann war jede Seite wie eine kleine Offenbarung. Dieses Buch war ein absoluter Game Changer für mich und hat meinen Umgang mit Herausforderungen nachhaltig zum Positiven beeinflusst. (Im Buch geht es um die Wirkweise von Worten und Narrativen auf unser Denken und Handeln. Absolute Leseempfehlung!)
Besonders fasziniert hat mich ein Abschnitt in Kapitel 3 (“Die Wahrheit über Talent und Leistung”): Dweck berichtet darin von einer Zeichenschule, die sich der Zeichenlehre von Betty Edwards bedient. Vermeintlich “talentfreie” Menschen lernen hier, unglaublich gute Selbstportraits zu zeichnen. Die Vorher-Nachher-Bilder belegen ihren Fortschritt auf beeindruckende Weise:

Kann man Talent lernen?
Ich konnte es damals kaum glauben, dass ein solcher Fortschritt in nur 5 Tagen möglich sein kann. (Ja, Du hast richtig gelesen! 5, in Worten: fünf!!)
Bis zu jenem Tag, an dem ich diese Vorher-Nachher-Bilder vor Augen hatte, war ich vollkommen überzeugt davon gewesen, dass Zeichnen und Malen nur etwas mit Talent zu tun haben. In meiner damaligen Vorstellung, stellten sich Künstler morgens an die Leinwand und erschufen aus dem Stegreif wunderbare Kunstwerke.
Wie stark dieses innere Narrativ über Talent in mir wirkte, merkte ich vor allem daran, dass ich mich irgendwie betrogen fühlte – betrogen von den Dürers und Rembrandts dieser Welt, die nicht nur nicht so genial waren, wie ich immer vermutet hatte. Nein! Sie benutzten sogar Hilfsmittel!! Weil auch sie sich schwer taten, die richtige Perspektive ins Bild zu bekommen, zum Beispiel. Alte Stiche dokumentieren sogar den "Betrug" (der gar keiner ist, sich nur einfach in dem Moment für mich so anfühlte):

Zeichnen ist eine Frage des richtigen Sehens
Die Amerikanerin Betty Edwards war natürlich nicht so "naiv" wie ich, als sie ihre Zeichenschule begründete. Sie war der festen Überzeugung, dass Zeichnen keine Frage des Talents, sondern vielmehr eine Frage von Wissen, Übung und dem richtigen Sehen ist. (mehr dazu hier) Als ich dann vor einiger Zeit einen Zeichenkurs nach Betty Edwards in München entdeckte, war ich sofort dabei. Ich war extrem neugierig, ob zeichnen wirklich nur eine Frage der Technik und Übung ist. Der Kurs in München hat, anders als der in Dwecks Buch beschriebene, nur ein paar Stunden gedauert. Deswegen haben wir statt Selbstporträts "nur" unsere Hände gezeichnet. Und was soll ich sagen? Das Ergebnis konnte sich durchaus sehen lassen:

Diese Zeichnung ist am Ende des Kurses nach einer Einführung in die Theorie sowie ein paar Lockerungsübungen innerhalb von 15 Minuten entstanden. Das habe ich gezeichnet, einfach nur weil ich Anleitung hatte - und ein Hilfsmittel, das mir geholfen hat, die Perspektive aufs Papier zu bringen.
Du kannst dir vielleicht vorstellen, dass mich diese selbst gemachte Erfahrung ein großes Stück nach vorne gebracht hat, wenn es darum geht, meine Vorstellung von Talent tatsächlich loszulassen und mein Growth Mindset nachhaltig zu stärken. Wenn ich unter Anleitung in wenigen Stunden solche Fortschritte im Zeichnen machen kann, was kann ich dann erst alles lernen, wenn ich mich wirklich reinhänge?
"Wir können alles lernen, wir müssen es nur tun"
“Ich bin einfach kein Zahlenmensch” oder “ich habe kein Talent fürs Fotografieren” kann ich seitdem vor mir selbst nicht mehr als Erklärung gelten lassen, weil es billige Ausreden sind, mit denen ich mich prophylaktisch vor einem möglichen Scheitern bewahren will. Die Wahrheit ist: Nicht einmal die größte Künstlerin wurde mit ihrer ersten Zeichnung zur Legende. Viele namhafte Künstler waren zu Beginn sogar richtig, richtig schlecht! Der Unterschied ist: Sie blieben dran, haben geübt und sind irgendwann meisterlich geworden.
Heute glaube ich fest daran: Wir können alles lernen, wir müssen es nur tun. Rückschläge gehören ganz natürlich dazu. Sie sollten uns motivieren, es nochmal, anders, besser zu versuchen.

Kommentare