Übung macht meisterlich: Warum Mozart kein Wunderkind war und Einstein kein Genie
- Anna Bilek
- 23. Aug. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Viele von uns tragen die Überzeugung in sich, dass es Naturtalente gibt; dass man für manche Dinge geboren ist und für manche eben nicht. Wenn Du Talent für etwas hast, geht es Dir ganz einfach von der Hand. Wenn Du Dich abmühen musst, dann hast Du eben kein Talent. Konsequenterweise ist es also ratsam, alles sofort sein zu lassen, was sich irgendwie nach Anstrengung anfühlt (bitte nicht!). Denn da es offensichtlich an Begabung fehlt, würde die Mühe ja sowieso nirgendwo hinführen. Klingt bedauerlicherweise einleuchtend, ist aber ganz großer Unsinn.
Das Märchen vom Wunderkind
Vor einigen Jahren entzauberte der Zürcher Neurologe Lutz Jäncke die weitverbreitete (Wunsch-)Vorstellung vom Wunderkind Mozart: Er kam durch seine Untersuchungen zu dem Schluss, dass der kleine Wolfgang Amadeus so gut Klavier spielen konnte, weil er deutlich mehr übte als andere und förderlichere Rahmenbedingungen hatte. So konnte er relativ früh zum Experten auf seinem Gebiet werden. (Was für eine langweilige Story, oder?)
Die Tatsache, dass Wolfgang als Sohn eines sehr geschäftstüchtigen Musikers in einen Musik-Haushalt hineingeboren wurde, spielte eine gewichtige Rolle in seiner Karriere. Fun fact: Die ersten Kompositionen des vermeintlichen Wunderkinds hatte Herr Mozart Senior "aufgeschrieben", da der Junior noch gar keine Noten lesen/schreiben konnte. (Ein Schelm, wer da auf falsche Gedanken kommt...) Doch der Glaube an das Wunderkind Mozart lässt sich nicht erschüttern. Ein geborenes Genie ist eben deutlich interessanter als ein kleiner Junge, der sich unermüdlich an den Tasten abarbeiten muss.
Wie die Story vom Genie uns in der Komfortzone hält
"Ich habe 37 Jahre lang 14 Stunden am Tag geübt, und jetzt nennen sie mich ein Genie." wunderte sich einst der spanische Geiger und Komponist Pablo de Sarasate. "Ich bin nicht sonderlich begabt, nur leidenschaftlich neugierig." sagte Einstein und verwies dabei auf seine Beharrlichkeit, Phänomene so lange zu untersuchen, bis er eine Erklärung für sie gefunden hatte.
Mozart, de Sarasate, Einstein – sie alle waren herausragende Experten auf ihrem Gebiet, die sich extrem intensiv mit ihren jeweiligen Fachbereichen beschäftigten. Keiner von ihnen ist morgens aufgewacht und konnte plötzlich Jahrhundertwerke komponieren, perfekt Geige spielen oder die Rätsel unseres Universum lösen. Obwohl es völlig logisch und rational ist, dass Expertentum durch Aneignung und Übung erreicht wird, fällt es uns dennoch schwer, die Vorstellung von Naturtalent und Genialität loszulassen. Vielleicht, weil wir Menschen seit jeher eine Faszination für Wunder haben. Möglicherweise, weil Storys über an Sisyphos erinnerende Übungseinheiten nicht sonderlich aufregend sind. Höchstwahrscheinlich auch, weil wir uns eingestehen müssten, dass wir selbst ganz persönlich für unser (Nicht-)Können verantwortlich sind.
Im Schweiß gibt es wenig Zauber zu entdecken, oder?

Auch wenn wir alle wissen, dass "Übung den Meister macht", so interessiert uns daran das meisterliche Ergebnis viel mehr als der Teil mit der Übung. Denn: Üben ist nicht sonderlich attraktiv. Es ist mühselig, monoton, schmerzhaft und oft auch ungelenk. Im Schweiß gibt es wenig Zauber zu entdecken. Wer will Lang Lang dabei zusehen, wie er sich stundenlang abmüht, eine bestimmte Tonfolge einzustudieren? Wir wollen im Konzertsaal sitzen und staunen, wie seine Pianistenfinger leicht und fröhlich über die Tasten tanzen! Wir haben großes Interesse am meisterlichen Ergebnis, und nur sehr wenig übrig für den Entstehungsprozess. Dabei könnten wir viel lernen, gerade wenn wir zusehen würden, WIE jemand meisterlich wird! Was treibt sie an, diese "Genies", dass sie einfach nicht aufgeben? Was geht in jemandem vor, der 14 Stunden am Tag übt? Denen hat bestimmt nie jemand gesagt, dass sie nicht gut genug sind. (DOCH, UNZÄHLIGE MALE!!) Ich kann Dir wirklich empfehlen, Dich mit den Biografien von Menschen auseinander zu setzen, die es an die Spitze einer Kunst geschafft haben. Du wirst staunen! So bin ich zu meiner Überzeugung gekommen: In jedem von uns steckt das Potenzial eines Meisters, einer Meisterin – wenn wir lernen, uns zu fokussieren und unermüdlich am Ball zu bleiben.

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